Das war das Lollapalooza Festival 2017

MONTAG, 11.09.2017

Liebes Lollapalooza-Festival, am Samstag hast du uns es ganz schön schwer gemacht, dich zu mögen. Am Sonntag waren wir wieder etwas versöhnlicher gestimmt. Dennoch hätten wir da noch ein, zwei Sachen zu bereden ...

Kurz vorab: Wer denkt Festivals sind paradiesische Orte, wo immer die Sonne scheint, alle Menschen mit Blumenkränzen glücklich durch die Gegend hüpfen und im Hintergrund noch nice Bands spielen, der war noch nie auf einem oder hat zu viel Influencer-Fotos vom Coachella gesehen.

Das perfekte Festival gibt es nicht

Festivals sind hart verdientes Brot, deren Sonnenseiten man sich erst erarbeiten muss. Heißt: Einen Tag mit Gummistiefeln durch den Matsch waten, um den nächsten halben Tag Sonne huldigen zu können. Heißt: Die Absage seiner absoluten Lieblingsband verkraften zu müssen, bis man merkt, dass die Newcomer, die als Ersatz angekarrt wurden, deine persönliche Rock 'n' Roll-Offenbarung der letzten zehn Jahre sind. Heißt: Zwei Tage Erlebnisklogänge in Dixie-Land, bis man schließlich die eine Wassertoilette mit Waschbecken auf dem Festival gefunden hat.

Das perfekte Festival wird es nie geben. Dennoch lernt man mit den Jahren als Besucher, als auch Veranstalter dazu. Die meisten Festivals haben sich in den letzten Jahren massiv vergrößert. Es geht nicht mehr nur mehr um Musik, ein ganzer Festival-Themenpark wird geschaffen. Es wurden sicher mehr Annehmlichkeiten für Besucher geschaffen, allerdings ist bei manchen Festivals die Größe nicht proportional mit der vorhandenen Festival-Infrastruktur gewachsen. 

Nachlässige Kontrollen und Schlange stehen

Mit all diesen wahnsinnigen Erfahrungen und Backgroundwissen reisten wir also zu viert zum Lollapalooza Berlin nach Hoppegarten an. Wobei es korrekterweise Lollapalooza Brandenburg heißen müsste. Die Anreise am Samstag mit der S-Bahn ab Berlin Bellevue gestaltete sich relativ entspannt, wobei wir auf dem Weg mitbekamen, dass bei den späteren Stationen Leute nicht mehr in den Zug aufgrund von Überfüllung kamen. Am Festivalgelände ging es auch relativ zügig mit dem Einlass, wobei schon eklatant auffiel, wie nachlässig kontrolliert wurde. In meinem Beutel zum Beispiel befand sich eine Jacke, darin oder darunter hätte alles sein können. Ich wurde allerdings von keinem Ordner aufgefordert, meine Jacke aus der Tasche zu nehmen. Übrigens: Es befand sich auch wirklich NICHTS unter der Jacke. Vielleicht hatte der Ordner auch Röntgenaugen.

"Ich geh nur schnell aufs Klo"

Was dann aber als allererstes auf dem Gelände ärgerte, waren die irre langen Schlangen bei Getränke und Essen sowie den Toiletten. Ich spule kurz vor: Freunde von mir, die während des Marteria Konzertes Getränke holen gingen, kamen nach einer geschlagenen Dreiviertelstunde entnervt mit den Getränken zurück. Gleiches Spiel bei den Toiletten. Die viel zu wenig waren und strategisch etwas ungünstig positioniert - zwischen den beiden Hauptbühnen, really? Spätestens am Samstagabend als das Gedränge vor und zwischen den Hauptbühnen groß war, ging dann so auch der letzte Mann, bzw. die letzte Frau verloren. "Ich geh mal schnell aufs Klo", waren ihre letzten Worte. 

Abriss bei Marteria

Aber gut, es spielten ja auch noch Bands. Und da kann man den Veranstaltern keinerlei Vorwurf machen. Das Booking des Lollapalooza 2017 war vom Feinsten. Erster großer Spaßbringer am Samstag waren die Vaccines, gefolgt von den sowieso großartigen Beatsteaks und alles endete erstmal mit einem malerischen Sonnenuntergang über dem Gelände und Totalabriss von Marteria auf der Bühne. Als wäre er alleine nicht schon Show genug, holte Marteria sich auch noch Beatsteaks Frontmann Armin und zu guter Letzt noch Casper auf die Bühne. Wow.

Danach noch ein Tränchen bei den wundervollen Mumford & Sons verdrückt, ein kurzer Abstecher zu Boys Noize und dann sollte es eigentlich für diesen Abend gewesen sein. EIGENTLICH. Dann nun stand uns noch die größte Herausforderung des Lollapalooza 2017 bevor: Die Abreise.

Überraschung: Alle wollen mit der S-Bahn nach Hause!

Gegen elf Uhr machten wir uns auf Richtung S-Bahn und wurden schon alsbald am Ausgang des Geländes gestoppt, da dieser erst mal gesperrt war, wegen Überfüllung des S-Bahnhofes, wie man uns sagte. Wo genau es nun aber rausging, konnte uns der Mann von der Security auch nicht sagen. Also versuchten wir es einen Ausgang weiter, da ging es zwar raus aus dem Festivalelände, der Weg endete aber auch recht schnell in einer Sackgasse. Wieder einen Ordner gefragt, wo es denn hier zur S-Bahn ginge, kam nur die Antwort: Wieder rein ins Gelände und am Ausgang raus. Raus aus dem Ausgang der gerade gesperrt war. Aha. Da wir jetzt eh schon oft genug im Kreis gelaufen sind, machte das eine mal auch nichts mehr aus und es ging wieder zurück an den gesperrten Ausgang. Da tat sich allerdings inzwischen was und eine zähe Menschenmasse schob sich langsam in Richtung S-Bahnhof Hoppegarten.

Dort kam allerdings auch wieder alles zum Stehen, da die Treppe, der Zugang zur S-Bahn, gerade von der Security gesperrt wurde. Und ab diesem Punkt wurde es ungemütlich. Es drängten nämlich immer mehr Leute, die das Gelände verlassen wollten, von hinten nach. Und vorne ging gar nichts. Die S-Bahnen fuhren zu dieser Zeit nur im Zehn-Minuten-Takt. Wir standen irgendwo eingekeilt in der Menge. Umfallen durfte niemand, Panik durfte auch niemand bekommen. Und vor allem hieß es Ruhe bewahren und darauf hoffen, dass die Treppe bald frei gegeben wurde. Nach wie viel Minuten die Treppe geöffnet wurde und durch die schmale Schleuse die Leute nach oben auf den Bahnsteig strömten, kann ich nicht mehr sagen. Gefühlt eine Ewigkeit. Tatsächlich durften es wohl zwischen 10 und 15 Minuten gewesen sein.

Disziplinierte Besucher sei Dank

Ich bin der festen Überzeugung, dass es nur der Disziplin und der Entspanntheit der Besucher zu verdanken ist, dass an diesem Abend nichts Schlimmes passiert ist. Weder Ordnungskräfte, noch Polizei, noch Veranstalter haben in meinen Augen irgendetwas zum Krisenmanagement beigetragen. Im Gegenteil: Der Veranstalter trug sogar noch mit Meldungen über die LED-Leinwände dazu bei, dass ein Großteil der 80.000 Besucher schon während dem Konzert von Mumford & Sons aus dem Gelände strömten und das Chaos verursachten. Kommunikation war generell so eine Sache. Die fand von Seiten der Veranstalter und des Personals eindeutig zu wenig statt. 

Zu den Geschichten, die man sonst noch über den Abend hörte, gehörten wir allerdings zu den Glücklicheren. Manche sind mehrere Kilometer zu Fuß bis zur nächsten S-Bahn-Station gelaufen oder haben sich durch den Wald zur Hauptstraße geschlagen, um nach Berlin zu trampen.

Sunday not so funday

Sonntag war dann erst mal große Katerstimmung. Aber nicht etwa wegen den reichlichen Getränken des letzten Abends (by the way hätte man auch aufgrund der langen Wartzeiten auf ein Bier gar nicht die Möglichkeit gehabt, sich ordentlich einen hinter die Binde zu kippen), sondern eher an dem mauen Gefühl, dass auf dem Gelände diesen Tag das gleiche Chaos herrschen könnte. Schließlich entschloss man sich doch, die Reise nach Hoppegarten anzutreten. Die Schlangen bei den Getränken und dem Essen waren zwar noch genau so lang wie am Tag zuvor, aber anscheinend hatten einige Besucher sich den Rat der Veranstalter vom Morgen zu Herzen genommen und waren mit dem Auto angereist, der S-Bahnhof war nämlich entspannt leer.

Bis auf einen kleinen Zwischenfall mit dem Aufladen des Bezahlchips an meinem Handgelenk - ich hatte noch mittags online aufgeladen, das Geld kam aber nie auf meinem Chip an, da, wie ich erst von einem leicht genervten Mitarbeiter an den Aufladeterminals erfuhr "die Banken am Sonntag keinen Transaktionen durchführen". Aha. Bei ihm konnte ich dann aber mit EC-Karte aufladen, whatever, - war der Sonntag dann doch noch ein ziemlich entspannter Festivaltag bei bestem Wetter.

Foo Fighters und alles wird gut

Warum man London Grammar allerdings am helllichten Tag auf die Alternastage gepackt hat, muss ich nicht unbedingt verstehen. Das wäre eher eine Band für den frühen Abend gewesen. Aber gut. Irgendwann kamen die Foo Fighters und alles war wieder eitel Sonnenschein. Und sogar Lolllapalooza-Übervater Perry Farrell ließ es sich nicht nehmen die Bühne zu entern und mit den Foos den Jane's Addictions Klassiker "Mountain Song" anzustimmen.

Um sicher zu gehen, ging es schon vor dem Ende der Foo Fighters wieder nach Hause zurück. Total unstressig. Ohne Gedränge. Ohne Wartezeit. 

Lollapalooza, es war mir trotz allem ein Fest. Einfach ein paar Sachen ändern, sich das Feedback der Besucher zu Herzen nehmen und dann wird das 2018. Wir sehen uns! (ak)

Das Lollapalooza 2018 soll vom 08. bis 09. September im Olympiapark Berlin statt finden. 

Der Auftritt der Beatsteaks am Samstag.

I don't care as long as you sing ...