Flugangst überwinden: Tipps von der Psychologin

FREITAG, 02.06.2017

Flugangst ist keine Seltenheit. Zum Glück gibt es Experten, die helfen können, die Phobie zu überwinden – wie Wencke du Pin, die mit uns über die Möglichkeiten einer Behandlung gesprochen hat.

Eine repräsentative Umfrage der "GfK Marktforschung" in Deutschland ergab, dass mindestens drei Prozent der Passagiere unter Flugangst mit massiven Panikgefühlen leiden. Weitere neun Prozent der Befragten sind deshalb noch nie geflogen. Und es geht sogar noch weiter: Jeder Zwölfte fühlt sich an Bord eines Flugzeugs unsicher und nervös. 

In Seminaren vermittelt die Diplom-Psychologin Wencke Methoden, die es Menschen mit Flugangst ermöglichen, entspannter zu fliegen. Zum Start der Urlaubssaison haben wir uns mit der Expertin über die weit verbreitete Aviophobie unterhalten – und vor allem darüber, wie man sie loswird.  

Frau du Pin, so viele Menschen leiden unter Flugangst. Woher kommt sie eigentlich?

"Pauschal lässt sich diese Frage nicht beantworten. Die meisten Ursachen liegen aber im Individuum selbst. So einzigartig jeder Mensch ist, so verhält es sich auch mit den Ängsten. Belegt ist, dass Betroffene die sehr früh mit Verlusterfahrungen konfrontiert waren, eher zu Flugangst neigen. Einschneidende Lebenserfahrungen, wie zum Beispiel Elternschaft, können verstärkt Ängste hervorheben.

Auch Menschen, denen es schwerfällt, die Kontrolle abzugeben, fühlen sich im Flugzeug meistens unwohl. Einerseits kann das Flugzeug an sich als 'technisches Wunderwerk' bedrohlich erscheinen, andererseits stellt das Medium Luft uns Menschen und unsere Sinnesorgane vor eine große Herausforderung. Luft ist nicht so sichtbar wie beispielsweise Wasser. Dass die Luft das Flugzeug trägt, so wie Wasser Schiffe tragen, ist häufig schwer nachvollziehbar. Betroffene, die tendenziell eher negativ oder pessimistisch bewerten, sind sensibilisierter für Gefahren und tendieren zur Entwicklung von so genannten 'Katastrophengedanken' beziehungsweise der 'Angst vor der Angst'.

Und wie so häufig bietet auch anhaltender privater oder beruflicher Stress eine mögliche Grundlage, empfänglicher für eine Angststörung zu werden. Bei vielen Betroffenen führen mehrere Komponenten zur Entwicklung der Flugangst. Angst ist grundsätzlich erlernt (klassische Konditionierung), aufrechterhalten wird sie bei Flugängstlichen in erster Linie durch den Mechanismus des Vermeidens, sprich der Maßnahme, nicht mehr zu fliegen.

Die gute Nachricht dabei ist, dass wir Menschen umlernen und somit bestehende, falsche Angstschemata aufbrechen und lernen können, dass bestimmte Situationen nicht bedrohlich sind."

Trotz der Angst wollen die meisten nicht auf Reisen mit dem Flugzeug verzichten. Um den Flug gut zu überstehen, greifen einige dann zu Beruhigungsmitteln. Gibt es nicht-medikamentöse SOS-Maßnahmen, die Betroffenen im Flugzeug schnell helfen?

"Auch hier gibt es leider kein Pauschalrezept. Haben Betroffene eine kommunikative Art, können sie sich beim Einsteigen dem Flugbegleiter mitteilen. Vielleicht besteht die Möglichkeit, kurz vor dem Start zur Beruhigung einmal ins Cockpit zu schauen und den Piloten zu begrüßen. Bei ungewohnt lauten Geräuschen hilft es, das Bordpersonal zu befragen und immer daran zu denken, dass der Job für die Piloten neben all der Verantwortung auch Routine ist. Sie werden mehrfach im Jahr im Simulator überprüft und die Fliegerei investiert grundsätzlich sehr viel mehr in Sicherheit als andere Verkehrsbereiche.

Atemtechniken oder Musik helfen, sich abzulenken und zu beruhigen.

Atemtechniken oder Musik helfen, sich abzulenken und zu beruhigen.

Introvertierten Personen helfen vielleicht eher Körperübungen wie Atemtechniken oder Bewegung. Bewegung ist IMMER möglich, auch wenn ich nur auf dem Platz meine Beine bewege. Sobald die Sicherheitszeichen ausgeschaltet sind, können sie aufstehen.

Bei Katastrophengedanken ist es die Kunst, sich diesen nicht hinzugeben, sondern sie immer wieder sachlich zu hinterfragen. Was passiert hier gerade wirklich? Bewerte ich aufgrund von Unwissenheit ein Geräusch als bedrohlich, obwohl es ein 'Standardgeräusch' ist?

Grundsätzlich ist es wichtig, ausgeschlafen den Flug anzutreten, eine Kleinigkeit zu essen, auch wenn einem nicht danach ist (das aktiviert den Parasympathikus) und genügend zu trinken. Temporär hilft auch Ablenkung in Form von Musik oder Gesprächen mit dem Nachbarn. Solche Methoden sind allerdings reine Symptombekämpfungen und lösen perspektivisch nicht die dahinterliegende Ursache."

Was raten Sie Betroffenen, die sich nicht mal in die Nähe eines Flughafens trauen, weil ihre Angst zu groß ist?

"In erster Linie erst mal, die Angst zu akzeptieren. Zur recht schnellen und nachhaltigen Behandlung von Angsterkrankungen hat sich die kognitive Verhaltenstherapie bewährt. Je nach Stärke der Angst wird der Betroffene im Rahmen der Therapie mit dem angstauslösenden Objekt konfrontiert. Auf diese Weise können Angstschemata aufgebrochen werden und schlussendlich erlernt werden, dass das Objekt keine Gefahr bedeutet und somit auch keine Angst ausgelöst wird. Daneben sind mit anderen Therapieformen natürlich Erfolge möglich. Ein Therapieplan wird immer sehr individuell erstellt. Er kann ganz unterschiedliche Gewichtungen haben."

Wie helfen Sie Angstpatienten in Ihren Seminaren?

"Unsere Seminare ersetzen natürlich keine Therapie. Den Anspruch haben sie auch gar nicht. Wir bieten ein ganzheitliches Konzept: Aufklärung über die Technik des Flugzeugs (inklusive einer Begehung eines Flugzeugs am Boden) und über die Ausbildung der Piloten (vermittelt durch einen Piloten der Lufthansa) findet im Seminarrahmen genauso Platz wie die Entwicklung einer individuellen Bewältigungsstrategie.

Lass die Angst los und lerne, entspannt zu fliegen.

Lass die Angst los und lerne, entspannt zu fliegen.

Dazu werden die Teilnehmenden einerseits über die möglichen Ursachen der Flugangst sowie angsterhaltene Mechanismen aufgeklärt und bekommen andererseits noch Körperübungen gezeigt, die sie vor, während und nach dem Flug durchführen können. Des Weiteren arbeiten wir dysfunktionale Gedankenmuster auf.

Schlussendlich ist die vorbereitete Konfrontation der Weg zum Ziel. Am zweiten Seminartag steigt die Gruppe mit dem Psychologen ins Flugzeug und absolviert einen Inlandsflug mit weniger Angst – im besten Fall sogar angstfrei."

Haben Sie im Laufe Ihrer Karriere unheilbare Fälle kennengelernt?

"Bisher nicht, da der Mensch, beziehungsweise sein Gehirn, bis ins hohe Alter lernfähig ist. Ein entscheidender Aspekt zur erfolgreichen Bewältigung ist sicherlich die persönliche Motivation, sich der Angst und den möglichen Gründen dafür zu stellen und diesen aktiv und konstruktiv zu begegnen."

Zur Psychologin und den Seminaren

Wencke du Pin arbeitet neben ihrer Festanstellung im klinisch-arbeitspsychologischen Bereich freiberuflich als Seminarleiterin für die Texter-Millott GmbH. Diese bietet in Kooperation mit der Deutschen Lufthansa seit über dreißig Jahren deutschlandweit und in Italien Seminare für entspanntes Fliegen an. Willst auch du dich schon bald deinen Ängsten stellen und ein neues Reisegefühl entdecken, informiere dich unter www.flugangst.de über die Angebote. 

Flugangst überwinden

Flugangst nimmt Menschen, die darunter leiden viel Freiheit – Zeit, sie zu überwinden!

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