Paula Lambert zum Thema PTBS nach der Geburt

DONNERSTAG, 05.07.2018

"Kommst du?" - die Kolumne von Paula Lambert lest ihr wöchentlich neu, hier bei fem.com. Paula Lambert, bekannt aus der sixx-Sendung "Paula kommt" oder "Paula kommt ... am Telefon", beschäftigt sich in ihrer Kolumne jede Woche mit einem aktuellen oder brisanten Thema rund um Frauen, Männer, Sex, Liebe, Lust und Beziehung. In dieser Kolumne teilt Paula ihre Gedanken über posttraumatische Belastungsstörungen, kurz PTBS, bei Frauen nach der Geburt.

In dieser Woche ist "Birth Trauma Awareness" angesagt. Warum, fragt ihr euch? Weil viele Frauen unter den Erlebnissen während der Geburt leiden und niemand so richtig darüber spricht. Ich habe eine Studie im Israel Medical Association Journal gelesen, in der es heißt, dass etwa eine von 13 Frauen nach der Geburt an einer posttraumatischen Belastungsstörung leide, einer so genannten PTBS. PTBS wurde bekannt als eine Erkrankung, an der vor allem Soldaten leiden, die in Kriegsgebieten stationiert waren. Sie kommen nach Hause, leiden unter Schlafstörungen und Flashbacks, in denen sie traumatische Situationen wieder und wieder erleben. Das gleiche scheint auch für viele Mütter zu gelten.

"Du musst glücklich sein!"

Nun ist es ja so, dass die meisten Leute im Umfeld nach einer Geburt wenig sensibel für negative Schwingungen sind. "Du musst so glücklich sein!" oder "Ach, ich wünschte, ich hätte auch so ein süßes Baby" sind die Standard-Aussagen, die man als Mutter so zu hören bekommt. Und ja, auch ich habe viele zuckersüße Dinge zu frischgebackenen Müttern gesagt, selbst wenn das Produkt der Liebe aussah wie ein durch mehrfachen Inzest entstandener Grottenolm. Für eine von 13 Frauen muss das der absolute Horror sein.

Eine Geburt ist einerseits etwas wirklich sehr Schönes, andererseits auch etwas, dass an die Szene in "Alien" erinnert, wo das Monster mitten auf dem Kantinentisch aus dem Torso des freundlichen Raumfahrers bricht. Ich hatte beide Varianten, Kaiserschnitt und eine natürliche Geburt. Beim Kaiserschnitt steckte der Gynäkologe gefühlt bis zum Ellenbogen in meiner Bauchhöhle und ich weiß, dass genug Blut geflossen ist, um einen zart besaiteten Menschen zum Japsen zu bringen. Beim zweiten Mal lag das Kind richtig herum, aber obwohl ich nicht weinerlich bin, war ich doch überrascht, wie unglaublich stark die Schmerzen waren. Übrigens haben sich 80 Prozent der traumatisierten Frauen gegen Schmerzmittel während der Geburt entschieden. Das hätte ich nicht im Leben ausgehalten. Der Anästhesist, der mich Nabel abwärts lahmlegte, war entweder betrunken, müde oder blind, vielleicht auch alles drei. Erst rammte er seinem Assistenten die Kanüle in den Daumen, anstatt sie in die Ampulle zu führen. Dann jagte er mir erfolglos zwei Ladungen in die Wirbelsäule, die ihr Ziel verfehlten. Erst bei der dritten Ampulle ließ der Schmerz nach. Allerdings trat dann auch die Wirkung der anderen beiden ein, so dass ich während der Presswehen taub wie eine alte Nuss war und presste, wie ich es in Hollywoodfilmen gesehen hatte. Gespürt habe ich nämlich nichts mehr. Im Gegensatz zum Kaiserschnitt war ich drei Stunden später aber schon wieder auf den Beinen und raste nach Hause, um dort zu sein, bevor das erste Kind aufwachte.

Aus dem Geburtshaus in die Notaufnahme

Es gibt aber eben auch Geburten, wo der Herzschlag des Kindes plötzlich aussetzt. Meiner Freundin ist es passiert, dass erst das Kind den Herzschlag verlor, dann sie, während ihr Mann die Ärzte anschrie, sie sollten doch jetzt endlich einen Schnitt setzen. Eine andere wurde direkt nach der Geburt aus dem Geburtshaus in die Notaufnahme geschickt, weil das Kind eine Lungenentzündung hatte. Dort ließ man sie unbetreut acht Stunden warten und ich meine, dass sie sich bis heute nicht davon erholt hat.

Eine Geburt oder vielmehr das Kinderkriegen ist auch deshalb so heikel, weil alles Verschüttete in der Seele wieder hervorkommt. Es kann durchaus sein, dass ein Kind zu bekommen zu einer Re-Traumatisierung führt, weil etwa die eigene Kindheit im krassen Gegensatz zu den Empfindungen steht, die man für das Baby in seinen Armen fühlt. Manche Frauen schützen sich davor, in dem sie ihre Gefühle komplett abschotten, auch jene, die für das Kind vorgesehen waren.

Was ich sagen will: "Du musst so glücklich sein!" ist nicht immer das, was eine frischgebackene Mutter hören will. Manchmal kann es auch nur die Frage sein "Was würde dich jetzt am besten unterstützen?" Wobei das eine Frage ist, die man immer stellen sollte. Einmal den Abwasch machen oder eine Maschine Wäsche anwerfen und dazu eine liebevolle Umarmung sind tausend Mal mehr wert, als der putzigste Babystrampler.

Alles Liebe,
eure Paula

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Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) durch Geburt – Hintergrundinfos

  • Auch genannt: Geburtstrauma oder peripartale Angstzustände
  • Allein in Deutschland sind jährlich etwa 100.000 Frauen betroffen (Quelle: Verein Licht und Schatten)
  • Eine von 13 Frauen erkrankt nach der Geburt an einer PTBS (Quelle: Israel Medical Association Journal)
  • Von den betroffenen Frauen haben 80 Prozent auf Schmerzmittel bei der Geburt verzichtet
  • Schmerzen sind aber nicht alleinige Ursache, sondern auch: Hilflosigkeit, Angstzustände bei Komplikationen der Geburt, Kontrollverlust etc. (siehe auch  hier)
  • Ein Drittel aller erkrankten Mütter entwickeln erste Symptome einer PTBS wie Schlaflosigkeit und plötzlich wiederkehrende, bildhafte Erinnerungen an die Geburt im Alltag, sogenannte Flashbacks
  • Andere Symptome: Desinteresse am Baby, Leeregefühl, Kopfschmerzen, Schwindel, Panikattacken (siehe auch hier)
  • Im Gegensatz zur Wochenbettdepression wird PTBS als Folge einer erlebnisstarken Geburt selten diagnostiziert
  • Streitpunkt: Eine Geburt stellt im Gegensatz zu den gültigen Kriterien für ein traumatisches Erlebnis kein unerwartetes Ereignis dar, wie ein schwerer Unfall oder Gewalt- oder Sexualverbrechen
  • Das Forschungsteam Tel Aviv empfiehlt Kliniken als erste Maßnahme, die Schwangeren besser über Möglichkeiten zur weniger schmerzvollen Geburt aufzuklären

Wenn du Unterstützung brauchst, dann wende dich an das Frauenhilfetelefon des Bundesfamilienministeriums. Es ist rund um die Uhr kostenlos unter der Nummer 0800/116016 erreichbar.

Der Verein Schatten und Licht e.V. kümmert sich ebenfalls um betroffene Frauen: Weitere Infos bekommst du hier!

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"Kommst du?" - Die Kolumne von Paula Lambert lest ihr jede Woche neu bei fem.com.

Über die Autorin

Paula Lambert ist Deutschlands bekannteste Sex- und Beziehungsexpertin. In ihrer sixx Sendung "Paula kommt" und "Paula kommt ... am Telefon" spricht sie mit ihren Gästen über Themen rund um Liebe, Sex und Beziehung: von Dating über Eifersucht bis hin zu Sex-Praktiken und -Fantasien. Paula Lambert nimmt kein Blatt vor den Mund und weiß, was Frauen bewegt und sie (noch) glücklicher macht.

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